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Mitten in der Nacht

Es gibt Zeiten, da läuft meine innere Uhr verkehrt. Zeiten, wie diese. Mitten in der Nacht und ich bin hellwach. Herzlichen Dank! Lesen geht nicht, Musik hören auch nicht. Mal durch’s Programm zappen. Vielleicht geht da was.

Die Talkshow zur Nachtzeit … meine Fresse! Da ist schon das Hingucken so peinlich, dass es körperlich weh tut. Schnell weg. Irgendeine der Soaps, die ich alle nicht kenne. Weg. Ein Bericht über Kinderarmut in Deutschland, speziell in Bayern. Hochgradig deprimierend. Kann man so was abschalten? Muss man sich dem nicht stellen? Nach 10 Minuten fällt mir ein, dass ich vor einiger Zeit schon so etwas gesehen habe und komme zu dem Schluss, dass mir meine Verpisserhaltung heute nicht zum Nachteil gereichen kann. Sorry und weg. Ein Bericht über Forschungsstationen in den Baumwipfeln des Regenwaldes mit den dazu gehörigen Spinnen. Meine Phobie wirft gerade den Motor an und bevor ich diese Viecher über meine Decke krabbeln sehe … weg und zwar flott! Scheiße auf den Musiksendern und zahllose Shows, bei denen ich anrufen und euphorisch Worte brüllen soll, falls ich nach dem 50. Anruf durchkomme. Dann ruft einer dieser Schulabbrecher „Super! Du hast 70 Euro gewonnen“ und weiter geht’s. Er sitzt dann da, voller Anspannung und versteckter Aggression: „Ich halte es nicht mehr aus! Das weiß doch niemand! NIEMAND! Das mache ich nicht mehr mit! Wir müssen das Spiel stoppen. Das mache ich nicht mehr mit! An meine Redaktion: Schluss jetzt damit!“ Mein Blutdruck steigt. Du Penner! „Meine Redaktion“. Wenn ich das schon höre. Wenn Du mich schon verarschen sollst, dann bitte mit etwas mehr Können. „LEUTE ANRUFEN! Jetzt ist die Chance!“ Gott sei Dank findet mein Finger den Knopf zum Umschalten bevor ich mich entschließe handgreiflich zu werden. Besser so. Habe kein Geld für ein neues Fernsehen.

Der Sohn ist wach geworden. Ist genau so gestört, wie seine Alte. Armes Kind! Meine Gene und ich bitte um Verzeihung. Ich verhalte mich ganz ruhig, totes Vögelchen, damit er nichts merkt. Sonst drohten mir mit Sicherheit aufgeregte Diskussionen über all die schlimmen Dinge, die ich gestern so verbrochen habe. Inklusive der Weigerung noch mehr Geld in die Runde zu werfen, als nach noch nicht einmal einer halben Stunde das gesamte Kirmesgeld des jungen Herrn verprasst worden war an Losbuden und beim Pfeile werfen. Nichts da! Nicht mitten in der Nacht. Okay, man legt die Hörspielkassette ein, man geht zurück ins Bett … Ruhe. Gut.

Der Astrosender. Heute ein besonderes Schmankerl. Noch nie hat es eine solche Ansammlung offensichtlicher schwuler Energie gegeben seit der Loveparade. Uhhh! Man redet Klartext. Der Alex tut das. In Bildern. Ein harter Hund, der Alex. Sagt mir, was sein wird, während er in den Rauch der Zigarette guckt. Nein, nein … er raucht sie nicht! So böse ist Alex nicht. Er guckt nur. Alex’ ebenfalls schwarz gekleideter Kumpel (was sonst?!) pendelt sich derweil den Wolf. Hellsicht. Ich bin beeindruckt und flüchte. Zu viele harte Fakten für mich … und lande beim so genannten Erotikfilm. Soft soll er sein, damit er im Fernsehen laufen kann. Jo. Vielleicht hätte man die Protagonisten darauf hinweisen sollen, dass man auch im Softerotikfilm die Gewandung der unteren Regionen ablegen sollte, bevor man sich den wilden sexuellen Aktivitäten hingibt. Es gibt da einen Zusammenhang.

Okay, so bin ich also hier gelandet. Um mittlerweile drei Uhr. Die Kirchenglocke bimmelt, die alten Kater schnarchen, der Sohn auch. Geile Zeit.

Tach auch …
12.9.07 03:03


Keine Chance

"Der Achmed ist ein Määädchen uund verliiiebt in diie Leeena!"

Aha. Interessante Dinge, die man so hört, während man am Rechner sitzt und langweilige medizinische Daten zusammenstellen muss.

"Bin ich überhaupt nicht. Ich bin kein Mädchen. Ich bin ein Junge. Und in die Lena bin ich auch nicht verliebt. Sag das nicht noch einmal, sonst verklopp ich dich, du Arsch!"

"Jawohl bist du in die Lena verliebt. Du hast ihr ein Herz ins Heft gemalt. Das hab ich gesehen. Und nur Mädchen heulen. Und du heulst gerade! Du Idiot!" Pause. "Achmed ist ein Mädchen und Achmed ist verliiiebt. In diiie Leena!"

Tornister werden geworfen und die Gockel gehen aufeinander los. Schon sind die Erwachsenen zur Stelle. Aufhören sollen die Kinder. Recht so. Man verprügelt sich doch nicht. Genau. Und man soll aufhören, sich gegenseitig zu ärgern.

Geht aber nicht so einfach. Weil der Daniel gesagt hat, der Achmed sei ein Mädchen. Das soll er zurück nehmen. Und er hat auch behauptet er sei in Lena verliebt. Das sei gemein. Daniel schießt zurück. Sei gar nicht gemein, weil der Achmed gestern nämlich behauptet habe, der Daniel hätte mit der Nicole am Kaufladen gespielt und das sei gemein. Und der Achmed hätte ihn einen Arsch genannt. Das dürfe man nicht sagen. Achmed holt Luft: "Selber! Selber!"

Das schreit nach pädagogischer Hilfestellung. "Jetzt hört aber auf damit. Ihr habt euch beide nicht richtig verhalten. Hört auf euch gegenseitig zu beschimpfen und gebt euch die Hände. Achmed ist kein Mädchen und Daniel kann spielen mit wem er will. Man kann auch mit Mädchen spielen und zu üben, wie man richtig einkaufen geht, ist ja nicht verkehrt. Und solche Schimpfworte möchte ich nicht noch einmal hören, sonst muss ich zu eurer Lehrerin gehen und mal mit ihr reden. Die wird sich dann bei euren Eltern melden. Das muss doch nicht sein. Benehmt euch endlich!"

"Du kennst unsere Lehrerin doch gar nicht!" (Ali) "Du weißt doch auch nicht, wer wir sind!" (Daniel)

"Das ist doch ganz einfach. Ihr geht doch beide in die Schule auf der anderen Straßenseite, oder? Was meint ihr?"

Kurze Stille. Dann Gemurmel. "T'schuldigung." Wieder kurze Stille. "Auch Entschuldigung." Man ist zufrieden. "Seht ihr, war doch gar nicht so schlimm."

Zwei Minuten später. "Der Kevin hat geknuuutscht!" Bitte? Achmed? "Mit einem Mädchen!" Die Stimme von Daniel ist unverkennbar.

Die Dinge erklären sich selbst. Ich denke an den Sohn und weiß, dass ich nicht gewinnen kann.

Niemals.

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14.9.07 11:05





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